Wie wir die Angst vor dem Sterben überwinden

Die Spannbreite des freien Willens besteht aus den menschlichen Grundemotionen Angst oder Liebe. Während unseres Lebens haben wir immer wieder die Möglichkeit zu wählen, wie wir auf die Herausforderungen unseres Lebens reagieren. Nur die bedingungslose Liebe heilt, macht sorgenfrei und lässt uns den tieferen Sinn unseres Lebens erkennen. Angst ist nichts anderes als Mangel an Liebe und enthält das Gesamtspektrum menschlicher Negativität: Wut, Hass, Zorn, Schuldgefühle, Gier, Habenwollen. Hinter diesen Eigenschaften des menschlichen Egos steht nichts anderes als Angst: Nicht genug zu bekommen, abgelehnt zu werden, verurteilt oder verletzt zu werden, Angst vor Versagen, davor, was andere denken, vor dem Unbekannten, vor Einsamkeit und die Mutter aller Ängste, sterben zu müssen.
Jeder Mensch trägt den göttlichen Funken seines höheren Selbst in sich. Wem es gelingt, damit in seinem Inneren in Kontakt zu treten, fühlt die Freude und Wärme dieser heilenden Liebe. Es ist dieser Gottesfunke, der uns überhaupt lebendig macht, wodurch wir mit Gott verbunden bleiben, da wir ewige geistige Wesen sind. Warum fällt es vielen so schwer, diese Präsenz in sich zu erkennen und der innewohnenden Kraft zu vertrauen? Leider ist es so, dass viele Menschen erst im Sterbeprozess mit ihrem göttlichen Funken konfrontiert werden.
Dennoch zeigt sich in der Praxis der Sterbebegleitung, dass die Mehrzahl aller Menschen ihr Sterben ab einem bestimmten Zeitpunkt annehmen können. Durch das langsame Erwachen in die inwendige Liebe wird

angstvordemsterbennehmen

die Angst durchschritten und die Sterbenden verstehen plötzlich, dass sie unsterbliche geistige Wesen sind und nicht an einen Körper oder eine Form gebunden sind. Dann verlieren sie die Angst vor dem Loslassen des Körpers.

Das spiegelt sich auch in den zahlreichen Zeugnissen aus der Sterbebegleitung, sowie in den Nahtoderfahrungen. Angesichts des Göttlichen, das sich im Sterben offenbart, relativiert sich das kleine Erdenich durch die Ablösung der Seele vom Körper, da es eine spirituelle Erfahrung einer bis dahin unbekannten Größe macht. Jeder von uns verfügt in seinem innersten Kern über das Wissen, wie Sterben geht und dass wir davor keine Angst haben brauchen. Wenn wir mehr die Ruhe und Stille suchen würden, könnten wir die Kraftquelle des höheren Selbst in unserer Innenwelt erschließen und machen die Erfahrung, dass wir unsäglich geliebt werden.
Um in die Anbindung der göttlichen Liebe zu gelangen, ist es erforderlich, sich seinem Mangel an Liebe und den unerledigten Dingen und Ängsten des Lebens zu stellen. Dazu gehört auch, sich selbst und anderen verzeihen zu können. Vergebung ist ein Akt der Liebe, damit alte Wunden heilen können und ist das Resultat einer einfachen Entscheidung, das tun zu wollen. Durch Verzeihen übernehmen wir die Verantwortung für unser Leben und befreien uns aus der Abhängigkeit alter Verletzungen.
Wie wichtig das Thema Aussöhnung ist, zeigt sich in den gegenwärtigen Sterbeprozessen der Kriegsgeneration. Alles, was nicht erledigt oder verdrängt wurde, tritt an die Oberfläche des Bewusstseins – auch die Gräueltaten, die während des Zweiten Weltkriegs begangen wurden, wie auch die tiefsitzenden Traumata von Flucht, Vergewaltigung und nicht gelebter Trauer. Die Ängste des Verschweigens und Verdrängens haben tiefe Auswirkungen bis in die heutigen Generationen hinterlassen.
Sterbende werden mit ihrer innewohnenden Liebe konfrontiert. Je mehr sie ihr Sterben annehmen können, sehnen sie sich nach geistiger Aussöhnung. Den Sterbenden wird bewusst wie kleinlich und ablehnend sie in bestimmten Situationen gehandelt haben. Im Annehmen der Dinge wie sie sind, liegt die Kraft, alte Ängste endlich loszulassen. Es wäre überaus hilfreich, sich mit den Erfahrungen der Sterbenden auseinanderzusetzen, um die Blockaden aus Angst zu überwinden. Dann würden wir das Leben an sich tiefer wertschätzen und können erkennen, dass wir Liebe sind. Liebe ist die einzige wahre Wirklichkeit.

1 2 3 4 5 6