Was ist Todesnähe?

Durch die extrem verfeinerten Möglichkeiten der Reanimation konnten in den letzten fünf Jahren ungewöhnlich viele Menschen aus den Randzonen des Todes zurückgeholt werden. Dadurch wurden viele Ärzte Zeuge davon, dass die Nahtoderfahrungen bemerkenswerte Übereinstimmungen aufweisen. Viele Mediziner mussten erkennen, dass es sich dabei um kein isoliertes oder seltenes Phänomen handelt.

Für Betroffene ist ein Todesnäheerlebnis die lebhafteste und einflussreichste Erfahrung ihres Lebens mit gravierenden Auswirkungen auf ihre Persönlichkeit. Es ist dem holländischen Kardiologen zu verdanken, diesen Aspekt in seinem Buch »Endloses Bewusstsein« besonders deutlich dokumentiert zu haben.
Das Gehirn von Menschen, die klinisch tot gewesen sind, weist zum Zeitpunkt des Erlebens keinerlei Aktivität mehr auf. Medizinisch gesehen verfügen die Betroffenen in dieser Situation weder über Bewusstsein noch über Selbstbewusstsein. Trotzdem sind sie in der Lage zu hören, zu sehen, wahrzunehmen – und alles viel intensiver als sonst. Ein klinisch toter Mensch kann sich in einen anderen Raum oder ein anderes Gebäude begeben oder sich in Gedankenschnelle tausende von Kilometern dort aufhalten, woran er gerade denkt. Wie ist das möglich?

Wie definieren wir Todesnähe, wenn wir aus allen bisherigen medizinischen Forschungen über die Nahtoderfahrung wissen, dass durchschnittlich nur etwa 18 Prozent aller Personen, die klinisch tot gewesen sind, sich an ein Erleben während dieser Phase erinnern können?
Dieses Mysterium ist leicht zu erklären: Der Mensch hat keine Kontrolle über das Phänomen der Todesnähe, und sie ist in keinem Fall messbar. Wann genau sich eine Seele aus ihrem Körper erhebt und die Todeslinie überschreitet, bleibt unbekannt und den Wissenschaftlern nicht zugänglich.
Andererseits mag bei einer spontan im Alltag erlebten Bewusstseinserweiterung wie der NTE außerhalb der Grenzen des eigenen Körpers dieser Vorgang bei vielen mit Abwehr gegen das Erleben verbunden sein, da der neue Bewusstseinszustand nicht eingeordnet werden kann und die Betroffenen Angst entwickeln.

Aus der Beobachtung der Sterbeprozesse wissen wir, dass häufig eine Gegenwehr gegen den nahen Tod erfolgt. Der Sterbende muss zu einer Akzeptanz des Sterben-Müssens gelangen, damit er in Frieden gehen kann. Ebenso verhält es sich während einer Nahtoderfahrung: Wer nicht bereit ist, die Kontrolle über sich aufzugeben und sich in das Erleben fallen lassen kann, verhindert durch die Angst vor dem Unbekannten, die Entfaltung der klassischen Stationen der Jenseitsreise.
Ebenso hinderlich für den Übertritt der Seele über die Todesschwelle ist die Sedierung und Medikalisierung Schwerstverletzter. Dadurch wird nicht nur das Kurzzeitgedächtnis ausgelöscht, sondern die Ablösung der Seele vom Körper blockiert. Derartige Eingriffe in den Sterbeprozess werden verstärkt durch extrem aufwendige Reanimationsprozeduren und den Einsatz technischer Apparaturen. Wir können keine genaue Aussage darüber machen, wann sich ein Mensch tatsächlich in Todesnähe befindet und zu welchem Zeitpunkt die Grenze zwischen Leben und Tod endgültig überschritten wird.

1 2 3 4 5 6