Der innere Sterbeprozess

Im finalen Sterben des Menschen beginnt die Waage zwischen Leben und Tod zu schwingen, weil sich die Seele langsam vom Körper zu lösen beginnt. Der Sterbende erlebt einen Zustand erweiterten Bewusstseins. Dadurch treten die Bilder seines Lebens an die Oberfläche des Bewusstseins. So mancher wird mit den unerledigten Dingen seines Lebens konfrontiert. Deswegen versuchen Sterbende, mit sich ins Reine zu kommen oder sehnen sich noch in den letzten Tagen nach Aussöhnung. So mancher kann nicht eher sterben, bis ein verstoßener Sohn oder Freund ans Sterbebett geholt wird. Je mehr Unerledigtes vorhanden ist, desto schwieriger gestaltet sich der Sterbeprozess. Wir schauen der eigenen Wahrheit ins Gesicht und alle verdrängten Gefühle und nicht gelebten Dinge des Lebens werden bewusst.

Durch die sich verstärkende Loslösung der Seele vom Körper hebt sich der Schleier zwischen dieser und der anderen Welt. Das ist der Grund dafür, dass der Sterbende vorangegangene Verstorbene oder Lichtwesen sehen kann. Er fühlt sich geliebt und angenommen und kann in Frieden loslassen. Diese Sterbebettvisionen sind keine Halluzinationen oder Verwirrtheitszustände, sondern ein integraler Bestandteil des Sterbeprozesses. Eine Frau berichtet: »Als ich das Zimmer meines Vaters betrat, strahlten seine Augen Seligkeit aus. Er streckte seine Hand aus und sagte: ›Da ist meine Mutter. Ich habe so lange auf sie gewartet.‹ Kurz darauf starb er friedlich.«
Sterbende bekommen alles mit, was in ihrem Umfeld geschieht, selbst wenn sie bewusstlos sind. Durch die Bewusstseinserweiterung spüren sie verstärkt den Kummer und den Schmerz der anwesenden Angehörigen. Wenn diese nicht loslassen können oder zu sehr klammern, kann sich das Sterben hinziehen. Ein Sterbender kann offenbar im finalen Sterbeprozess den Moment des Übergangs wählen. Viele gehen zu einem Zeitpunkt, wenn die Angehörigen den Raum nur kurz verlassen haben. Deswegen ist es für begleitende Angehörige überaus wichtig, dass sie den einfachen Satz sprechen: »Du darfst jetzt gehen.«

In der nächsten Phase wird das letzte Aufgebot der physischen Reserven erlebt. Der Sterbende nimmt normalerweise keine feste Nahrung mehr zu sich. Wenn jetzt künstlich in den Sterbeprozess eingegriffen wird, kann das zu Lasten des Sterbenden den Sterbeprozess qualvoll verlängern.
Im Augenblick des Todes zerreißt die Silberschnur, die Seele und Körper miteinander verbindet. Wenn das geschehen ist, kann die Seele nicht mehr in den Körper zurückkehren. Die Hinterbliebenen bemerken, dass sie dann nur noch eine leere Hülle vor sich haben. Der Verstorbene selbst ist körperlos, und für ihn existiert keine Raum-Zeit-Begrenzung mehr.

 

 

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